TUMORERKRANKUNG & INFEKTION / SPONDYLODISCITIS: Halswirbelsäule, Brust- und Lendenwirbelsäule

Definition

Tumorerkrankungen / Krebserkrankungen und Infektionen an der Wirbeläule können infolge Destruktion zu einer Destabilisierung der Wirbelsäule führen. Der Befall und die Destruktion eines Wirbels schwächt seine gewichtstragenden Funktionen. Die Folge kann die Entstehung einer sog. Pathologischen Fraktur sein. Wird eine pathologische Wirbelsäulenfraktur diagnostiziert, ist eine ganzheitliche Abklärung der Wirbelsäule (s. Abb.20.1.) und auch von Körperorganen notwendig, um Ursprung, Art und Ausbreitung der Tumorerkrankung festzustellen, falls eine Grunderkrankung noch nicht bekannt war. Dies erfordert oftmals CT- und MRT-Untersuchungen von Wirbelsäule, Schädel, Thorax (Brustraum), Abdomen (Bauchraum) und auch des gesamten Körpers (Skelettzintigraphie).

Ursache & Häufigkeit

Primäre Tumoren an der Wirbelsäule sind sehr seltene Erkrankungen. Sie treten als beninge (gutartige) oder maligne (bösartige) Tumoren in Erscheinung. Wird die Wirbelsäule im Rahmen einer neoplastischen Grunderkrankung (z.B. Brustkrebs, Prostata-Krebs, Hautkrebs, Magen-Darm-Tumore, Lungentumore, Schilddrüsenkrebs) von Absiedlungen des ursprünglichen Tumors (sog. Metastasen) betroffen, so sprechen wir von einer Metastasierung des Turmors in die Wirbelsäule. Ca. 10% der Patienten mit einer Tumorerkrankung erkranken zusätzlich an der Wirbelsäule. Die häufigsten Ursachen von Wirbelsäulenmetastasen sind das Mammakarzinom, das Lungenkarzinom und das Prostatakarzinom.

Bei Infektionen der Wirbelsäule handelt es sich ebenfalls um seltene Krankheitsbilder (ca. 0.002% pro Einwohner / Jahr). Bezogen auf Infektionen des gesamten Bewegungsappates liegt der Anteil der spinalen Erkrankungen bei ca. 2%-7%. Wir unterscheiden hierbei die primäre Infektion und die sekundäre Infektion als Konmplikationsfolge einer vorausgegangenen Infektion des Körpers oder der Wirbelsäule. Die Häufigkeit der postoperativen Wundinfektion liegt meist bei <1%. Diese Infektion kann die Bandscheiben betreffenen (sog. Diszitis) oder alle Wirbelanteile (sog. Spondylodiszitis). Im Rahmen der Infektion kann es durch eine Ausbreitung der Bakterien zu einer sog. Abszessbildung kommen (s. Abb.20.2.), diese kann auch den Spinalkanal oder Muskelgruppen entlang der Wirbelsäule (z.B. Psoas-Abszess) betreffen. Wir sprechen dann von einem epiduralen Abszess bzw. Weichteilabszess. Meist sind es bakterielle Infektionen, die zur Infektion der Wirbelsäule führen, selten sind es Pilz- oder Wurmerkrankungen.

Mögliche Beschwerden & Symptome:

Die Infiltration sowie die Destruktion eines Wirbels durch Tumor- oder Infektgewebe kann vertebragenen Schmerz verursachen. Dies sind Schmerzen die ihren Ausgang im Wirbel haben. Die Irritation von Gelenkstrukturen und die Einengung neuraler Strukturen kann je nach Lokalisation Schmerzen oder auch neurologische Ausfallserscheinungen in Armen und Beinen hervorrufen. Ein Einbruch von Tumor- oder Infektmaterial in den Spinalkanal kann zur Ausbreitung von Metastasen oder Infektionsmaterial entlang des Spinalkanals führen (s. Abb.20.3).

Konservative Behandlung

Die Behandlung von Tumorerkrankungen der Wirbelsäule erfordert ein multidisziplinäres Team. Oft besteht dies aus Onkologen, Internisten, Allgemeinmedizinern, Nuklearmedizinern, Radiologen und dem Wirbelsäulenchirurgen bzw. Facharzt für Orthopädie und Unfallchriurge oder Neurochirurgie. Das Stadium eines Tumors, das Aumaß und der Schweregrad der Grunderkrankung sowie die Beurteilung der Wirbelsäulenstabilität werden in der Entscheidung zur Therapiewahl herangezogen. In interdisziplinärer Zusammenarbeit (z.B. auch Tumor-Board) kann oftmals Patienten mit einem Tumorbefall der Wirbelsäule ohne Operation mit konservativer Therapie geholfen werden (Strahlentherapie, Chemotherapie, Schmerztherapie, Orthesenbehandlung,…).

Infektionen der Wirbelsäule können in Abhängigkeit von Ausdehnung und Befall von Wirbelelementen konservativ behandelt werden. Voraussetzung sind eine gründliche Untersuchung und Identifikation der Infektherde des gesamten Achsenskeletts (z.B. MRT, CT, Röntgenbilder) und ärztliche Kontrollen. Die Therapieoptionen inkludieren hierbei den Einsatz von Antibiotika, Schmerzmedikamenten und Versorgung mit einer Rumpforthese. Gezielte Punktionen eines Infektherdes oder Abszesses können der Keimasservierung (Probeentnahmen) und gezielten Antibiose dienen.

Operative Therapie

Die Behandlung primärer Tumoren erfolgt operativ, ggf. in Kombination mit Chemotherapie und Radiotherapie (Strahlentherapie). Ziel ist eine vollständige Tumorresektion und Ausheilung der Erkrankung. Bei metastatischem Befall der Wirbelsäule und Destruktion einzelner Wirbelsäulenabschnitte ist das Ziel der Wirbelsäulenoperation die Wiederherstellung stabiler Wirbelsegmentverhältnisse und einer mechanisch günstigen Wirbelsäulenform, die Resektion kompressiv und destruktiv wachsenden Tumorgewebes und auch die Entlastung (sog. Dekompression) eingeengter neurologischer Strukturen. Durch eine stetige Verbesserung der onkologischen und chirurgischen Behandlungsstandards ist auch eine zunehmende Verbesserung der Prognose und Lebensqualität von Patienten mit metastatischem Befall bei Erkrankung der Wirbelsäule erreicht worden.

Bei Destruktion, Instabilität, neurologischen Ausfällen, gefährdender Ausbreitung sowie systemischem Befall einer Spondylodiscitis besteht die Notwendigkeit zur Operation. Das Behandlungsziel ist die Resektion des infizierten Gewebes und die Wiederherstellung stabiler Segmentverhältnisse. Die operative Therapie ermöglicht die Entnahme von Proben zur gezielten präoperativen Antibiotikatherepie.

In der Behandlung der von Tumor oder Infektion betroffenen Wirbelsäule kommen offene und minimal-invasive Techniken zum Einsatz. Während die Stabilsierung der Wirbelsäule auch über perkutane minimal-invasive Verfahren möglich ist, Bedarf die Resektion größeren Defektmaterials und die Defektrekonstruktion und Stabilisierung offener Zugänge. Die operative Behandlung von Tumorerkrankungen der Wirbelsäule ist im Bereich des kraniozervikalen Übergangs (Abb. 20.4.), der Halswirbelsäule (Abb. 20.5 und 20.6) sowie im Bereich der Brustwirbelsäule (Abb. 20.7.) und der Lendenwirbelsäule möglich (Abb. 20.8).

Abb. 20.1: Ausführliche Diagnostik ist bei einem Patienten mit Tumorerkrankung der Wirbelsäule erforderlich.
Abb. 20.2: Links: Prävertebrale Abszessbildung dargestellt im MRT (*). Einbruch des Gewebes auch in den Spinalkanal. Rechts: Postoperativ Defektsanierung und Rekonstruktion des Defektes mit Käfigen, Plättchen, Schrauben von vorne, sowie Stabilisierung auch von hinten.
Abb. 20.3: Die Destruktion eines Wirbelkörpers durch Tumor- oder Infektgewebe (rot) kann zur Destabilisierung eines Wirbelsegmentes und zu Einbruch und Vebreitung von Tumorgewebe oder Infektmaterial in den Spinalkanal entlang der neurologischen Strukturen (gelb) führen.
Abb. 20.4: Links: Befall des Gelenkblocks der Schädelbasis und des 1.Halswirbels durch Tumorgewebe (*) verursacht Schmerzen in Ruhe und Bewegung. Stabilisierung des kraniozervikalen Überganges (Schädel zu 2. Halswirbel) reduziert das Risiko einer pathologischen Fraktur im betroffenen Bereich und verringert die Schmerzen signifikant.
Abb. 20.5: Beispiel mit Destruktion eines Wirbelkörpers durch Tumorgewebe (*), dargestellt in CT- und MRT-Untersuchung. Rechts: Nach Entfernung des Tumors und Defektrekonstruktion von ventral (vorne) mit Käfig und Plättchen sowie auch von dorsal (hinten), um eine frühe Mobilsierung des Patienten und sichere Ausheilung zu erreichen.
Abb. 20.6: Pathologische Fraktur bei Desktruktion des 3. und 4. Halswirbels infolgle Tumorbefall mit resultierender Knickbildung (*). Rekonstruktion von Form und Stabilität durch Kombiniation eines vorderen und hinteren Zugangs und Stabilisierung mit Titan-Implantaten.
Abb. 20.7: En Bloc Spondylectomie und Tumorresektion bei primärem Wirbelsäulentumor (*) und Rekonstruktion des Defektes ventral mit einem Käfig und Schrauben. Zusätzlich dorsale Stabilisierung
Abb. 20.8: Stabilisierung einer pathologischen Fraktur der Lendenwirbelsäule bei Befall durch Tumorgewebe. Rasche Mobilisierung postoperativ möglich.